Primum nil nocere

… oder „first do no harm“ – an die hippokratische Regel, vor allem nicht zu schaden sollte nochmal erinnert werden. Als Arzt ist man ja oft in der Rolle „etwas tun zu müssen“ – und dadurch gewöhnt man sich daran, etwas tun zu wollen. Aus eigener Erfahrung und aus vielen Leserbriefen im Ärztblatt weiss ich, dass der Arzt im Allgemeinen etwas tun will – auch dann, wenn es keinen Nutzenbeleg gibt. „Wird schon nicht schaden“, lautet oft die Begründung. Auch wenn man den Geldbeutel mal vergißt, ist gut gemeint aber nicht gut getan. Ein solches klassisches Beispiel von „gut gemeint“ wurde gerade im BMJ zerlegt: Die Blutzuckerselbstmessung bei Typ-2 Diabtikern. In der ESMON-Studie, der DIGEM-Studie und dem zugehörigen Editoral wird berichtet, dass diese einfache und logisch erscheinende Intervention nicht die Blutzuckereinstellung verbessert. Dafür sind als Nebenwirkung die Selbstmesser depressiver.

Auch bei noch unverdächtigeren Interventionen wie Schulungen sind negative Wirkungen möglich. Ein Beispiel aus meiner aktuellen Arbeit: Asthmaschulung für Eltern kranker Kinder könnte z.B. durch ein mehr an Therapieverantwortung für die Eltern durch mehr Sorge deren Lebensqualität senken…

Logisch ist nicht biologisch!

5 Kommentare zu “Primum nil nocere”

  1. Christian Lerch
    Juni 3rd, 2008 12:10
    1

    Und man kann den Faden noch weiter spinnen. Nicht nur Schulungen, auch Empfehlungen/Beratungen können unerwünschte Wirkungen haben. Bedenkt man die Zahl der (oft unaufgeforderten) Empfehlungen im Arzt-Patienten-Kontakt, ist Rationalität erst recht gefordert. Plausibilität ist eben auch kein Ersatz für Nutzen-Schaden-Untersuchungen.

  2. Nicht schaden
    Juni 3rd, 2008 16:43
    2

    […] Primum nil nocere :: EbM-Anwender – Blog und Forum für angewandte Evidenzbasierte Medizin […]

  3. Günter Schütte
    Juli 1st, 2008 23:05
    3

    Eine kleine, aber nicht unwichtige Ergänzung: Beide Studien beziehen sich auf Typ II – Diabetiker, die kein Insulin spritzen.

    Es gibt ja nach langjährigem Verlauf oder in besonderen Situationen wie Schwangerschaft etc. manchmal Situationen, in denen eine Einstellung auf (intensivierte) Insulintherapie erforderlich ist.

    Ansonsten wundert mich das Ergebnis nicht besonders, eher bin ich erstaunt, dass die BZ-Selbstmessung die BZ-Einstellung nicht deutlicher verschlechtert. Häufig erlebe ich es nämlich, dass Patienten, deren Diabetes Typ II mit Tabletten behandelt wird, zu waghalsigen Manövern greifen, wenn sie ihren Blutzucker – aus welchen Gründen auch immer – selbst messen. Manchmal werden Tabletten weggelassen, weil der Zucker zu niedrig scheint oder die doppelte Menge eingenommen, weil er als zu hoch eingeschätzt wird. Angesichts der langen Halbwertzeiten der oralen Antidiabetika sind das mutige Entscheidungen, die weitaus öfter glimpflich ausgehen, als ich glauben kann.

    Leider führe ich einen anhaltenden Kampf mit vielen Typ II Diabetikern um die BZ-Selbstmessung. Angesichts der gegenwärtigen (Angebots-)Situation in unserem Gesundheitswesen fühlen sich viele Typ II Diabetiker völlig unterversorgt, wenn sie nicht vom Diabetologen betreut werden.

    Der führt gnadenlos und abseits jeder Evidenz die BZ-Messung auch beim oral eingestellten Erwachsenendiabetes ein. Und wie soll ich das dem Patienten wieder ausreden?

    Bisher reichte meine psychische Spannkraft als Landarzt noch, langsam wird sie von Tag zu Tag schlechter.

    Den letzten Schlag erhielt sie kürzlich, als ich in der Presse las, dass Ulla Schmidt teure Präparate nur noch von Spezialisten und nicht mehr von Hausärzten verschreiben lassen möchte.

    Na dann gute Nacht, EbM! BZ-Selbstmessung gehört dann zum Standard, gegen jede Evidenz.

  4. Thomas Klüh
    Juli 20th, 2008 12:15
    4

    Wie kann man denn eigentlich diese Regel (first do no harm) mit Schönheitsoperationen in Einklang bringen?

  5. Patricia
    Juni 11th, 2009 11:10
    5

    Sehr interessanter Artikel.Ich damit vollkommen einverstanden.Danke für die Infos.

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