McStatin und EbM?

Kürzlich stolperte ich im DÄB über die Randnotiz „McStatin“: Es wurde die wissenschaftlich-mathematische Gedankenspielerei britischer Autoren (Volltext), zu jedem Fastfood-Menü ein Statin zu reichen, als „keine Schnapsidee für die Stammtischrunde, sondern reine evidenzbasierte Medizin“ bezeichnet. Da Kräuseln sich direkt die Fingernägel – und auch die British Heart Foundation hat schon hart zurückgerudert. Bei allen Vorbehalten wollte ich einmal mit GRADE an die Arbeit herangehen (eine schöne Einführungspräsentation zu GRADE ist hier) um die vom DÄB behauptete „Evidenzbasierung“ zu prüfen: Die Intervention wird von den Autoren mittels einer systematischen Übersichtsarbeit mit Metaanalyse bewertet (Volltext). Nach GRADE sind nun zu bewerten: Wahl der Outcomes, Wichtigkeit der Outcomes sowie die Qualitätsbewertung mit den Punkten

  • Studientyp (+/-)
  • risk of bias (-)
  • inconsistency (-)
  • indirectness (-)
  • imprecision (-)
  • publication bias (-)
  • large effect (+)
  • dose-response (+)
  • antagonistic bias (+)

(-) bedeutet eine mögliche Abwertung, (+) eine mögliche Aufwertung.

Als Outcome wurde „major cardiovascular event“ gewählt – das schein erstmal sinnvoll und üblich, wenngleich man sich über das Poolen von Tod und überlebtem Herzinfarkt sicher streiten kann. Als Studientyp wurden RCTs gewählt, OK – wir beginnen also die GRADE-Bewertung bei „HIGH“. Risk of bias wird in der Studie als „study quality“ mit dem Jadad-Score gemessen. Das war 2006 wohl state of the art – und alle eingeschlossenem RCTs sind hier gut bewertet, also kein Punktabzug. Für inconsistency mag man in figure 2 auch keinen Grund finden. Der Haken kommt bei indirectness: größtensteils Mittel-/Hochrisikopatienten, was auf den normalen Burger-Konsumenten nicht zutrifft, eine andere Intervention („bedarfsweise“ Gabe zum Burger vs. Dauermedikation). Ich würde 2 Punkte abziehen – also Qualität schon bei „LOW“. Imprecision würde ich nicht diagnostizieren. Publication bias wird nicht diskutiert, ein funnel plot fehlt – trotzdem kein Punktabzug. Large effect („Fallschirme bei Flugzeugabsturz“) – nö! Dose-response – nö! (OK, ist zumindest bei der KHK-Behandlung unklar). Antagonistic bias – da fehlt mir die Phantasie, einen Grund zur Aufwerrung zu finden.

Ohne besondere Skepsis und bei oberflächlicher Analyse handelt es sich auf der Haben-Seite ohne Berücksichtigung von unerwünschten Wirkungen also um LOW quality evidence nach GRADE. Die Bewertung der Soll-Seite (also das Risko des Burgerverzehrs) wird sicher nicht über VERY LOW hinauskommen. Eine Leitlinienempfehlung würde man auf dieser Evidenzbasis sicher nicht formulieren. Die Aussage „reine evidenzbasierte Medizin“ des DÄB-Autors erscheint abenteuerlich.

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