Archiv für März 2008

Neue Studientypen in Genetik/Genomik: GWAS

Donnerstag, 20. März 2008

DNADie Ergebnisse der Erforschung des Genoms haben es schon in die Beipackzettel geschafft und Datenbanken zur Pharmakogenetik und Genomik [1][2] füllen sich. Dies erfordert auch neue Studientypen. JAMA widmet die Ausgabe 299(11) ganz den Genen.

Ein Artikel von Pearson und Manolio (JAMA. 2008;299(11):1335-1344) widmet sich den genome-wide association studies [GWAS] (der geneigte Leser möge bitte eine passende Übersetzung als Kommentar hinterlassen). Hierbei wird DNA von Gesunden und Kranken auf eine Vielzahl von SNPs untersucht und potentiell relevante Genloci identifiziert.

GWAS werden die EbM in Zukunft beschäftigen. Wissen in diesem Bereich ist auch notwendig, um dunklen Geschäftmachern angemessen begegenen zu können. Die Autoren sehen GWAS-Ergebnisse übrigens in nächster Zeit nicht im klinischen Alltag und warnen vor Konsequenzen wie unkritischem Screening.

Diese Studien vereinen Elemente von Diagnostikstudien mit Fall-Kontroll-Studien, aber auch Kohortenstudien und Trio-Designs werden eingesetzt. Sie leiden also auch an den Problemen dieser Studien: so fehlen in den erfassten Fällen tendentiell stumme Formen, leicht und tödliche Fälle – und die Kontrollpopulation kann unterschliedlich sein. Die prinzipellen Hürden sind aus der EbM also bekannt – genauso wie die statistischen Tücken (etwa Signifikanzniveauadjustierung bei millionenfachem Testen). Die Terminologie der GWAS wird im Artikel dargestellt und die übliche Ergebnisdarstellung erläutert. Auch bei GWAS gilt: traue keinem nicht-repliziertem Ergebnis.

Für die spezifischen Probleme der GWAS formulieren die Autoren eine Checkliste:

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Die randomisiert kontrolliert Studie als Goldstandard

Donnerstag, 13. März 2008

basiert auf einem Bild von pixelio.de Fotograf tommyS © Siepmann GbRÜber die Studienform RCT wird und wurde viel geschrieben, u.a. gerade ein Kommentar im JAMA (Blogbeitrag dazu). Im Ärzteblatt ist ein prägnanter Artikel von Windeler et.al. erschienen, der mit den üblichen Vorurteilen gegenüber dieser Studienform aufräumt. Absolut lesenswert, darum hier nicht mehr Worte.

PS: wer das Reizwort RCT vermeiden möchte kann auch wie Windeler von „prospektiv geplante, vergleichende Interventionsstudien mit gesicherter Strukturgleichheit (proVIS)“ sprechen und ergänzen, dass Strukturgleichheit am besten, einfachsten und zuverlässigsten durch Randomisierung hergestellt wird.

Teures Placebo besser als billiges Placebo

Mittwoch, 05. März 2008

(c)JAMA 2008. FigureDas Rauschen im Blätterwald war schon groß ([1], [2], [3]), nun ist heute die Studie draussen: Waber RL. JAMA 2008. 299(9):1016-17
. Bei der Untersuchung sollten 82 bezahlte Probanden (62% Frauen, ~30 Jahre alt) angeblich ein neues Schmerzmittel, was schneller als Codein wirke, testen. In Wahrheit erhielten alle identische Placebos. Der Hälfte der Probanden wurde vorher erklärt, das Medikament koste $2,50, der anderen Hälfte, es koste $0,10. Verblindete Untersucher testeten vor und nach Einnahme das Schmerzempfinden mittels Stromstößen. Sowohl bei den starken Stromstößen als auch insgesamt wird das Schmerzempfinden durch „teueres“ Placebo signifikant vermindert. (weitere Details finden Sie bei „Respectful Insolence“, inkl. Ergebnistabelle)

Das Farbe und Form von Placebos für den Effekt bedeutend sind, war bekannt. Nun kommt also der dem Scheinpräparat zugeschrieben Preis hinzu. Der Effekt, dass teures besser erscheint als billiges tritt auch in anderen Zusammenhängen auf, z.B. beim Verkosten von Wein.

Interessanter als der Placeboeffekt an sich und seine Modifikation ist dieser Effekt bei realen Medikamenten: Verschlechtert sich die Wirksamkeit altbewährter Arzneimittel, weil der Patient weiß, daß es für die gleiche Krankheit ein viel-umworbenes, teurerer – und damit als besser wirksam vermutetes – Mittel gibt, was er eben nicht bekommen hat? Gibt es eine Effektmodifikation, weil der Apotheker (dank „aut-idem“) den gleichen Wirkstoff bei jedem Besuch in einer anderen Packung aushändigt?

Also was tun? Das Placebo „Pille“ mit dem Placebo(?) „Arzt“ bekämpfen/verstärken? Neutrale Verpackung für Medikament fordern? …

PS: J. Windeler hat eine schöne Übersichtsarbeit zu Placebo geschrieben.